Rund 10.000 überwiegend jüdische Kinder konnten 1938 und 1939 mit Kindertransporten aus Deutschland, Österreich, der damaligen Tschechoslowakei und Polen nach Großbritannien fliehen. Mehr als zwei Drittel sahen ihre Eltern nie wieder. Hinter dieser Zahl stehen persönliche Schicksale, denen die Ausstellung Raum gibt.
Rettung mit schmerzhaftem Abschied
„Die Ausstellung geht sehr zu Herzen. Diesen Kindern wurde das Leben gerettet. Dennoch mussten sie eine traumatische Erfahrung machen: Sie mussten ihre Eltern, ihre Familie und ihre Geschwister verlassen. Die Kleinen wussten oft nicht einmal, warum“, betonte Kulturgemeinderätin Elisabeth Kreuzhuber, die die Ausstellung in Vertretung von Bürgermeister Peter Molnar eröffnete.
Auch drei Kremser Kinder wurden durch Kindertransporte gerettet: die Geschwister Wilhelm und Elfriede Glass, deren Vater ein Bürsten- und Parfümeriegeschäft in der Spenglergasse betrieb, sowie Ilse Blau, die nach Dover gelangte. Die Geschwister Glass überlebten, ihre Eltern wurden 1941 nach Polen deportiert.
Persönliche Erinnerungen bewahren
Im Gespräch mit Kuratorin und Organisatorin Milli Segal stellte Kulturamtsleiter Gregor Kremser die Menschen hinter den gezeigten Erinnerungsstücken in den Mittelpunkt: „Hinter jeder Tafel, hinter jedem Koffer steckt eine Biografie, eine Geschichte, ein Schicksal.“ Segal erläuterte, wie die Ausstellung über die Jahre durch zusätzliche Briefe und Dokumente gewachsen ist. Viele der geretteten Kinder hatten lange über ihre Erlebnisse geschwiegen, bevor sie sich entschlossen, ihre Erinnerungen weiterzugeben. Bis heute entstehen durch Begegnungen mit Nachkommen neue Kontakte. Die Zeugnisse berichten von Hilfsbereitschaft und Hoffnung, aber auch von schwierigen Lebensbedingungen nach der Ankunft. „Das ist eine Geschichte, die man nicht vergessen darf. Man hat diese Kinder weggeschickt, weil sie jüdische Kinder waren“, erklärte Segal. Zugleich verwies sie auf die Situation unbegleiteter Kinder aus Kriegsgebieten heute: „Ich glaube, dass man sich ihrer wirklich annehmen muss. Es ist ganz gut, wenn man aufzeigt, dass es Möglichkeiten gibt, sich um Kinder zu kümmern. Dadurch einen Denkprozess auszulösen, ist auch ein Motiv meiner Arbeit.“
Mit dem Standort im Rathausfoyer begegnet die Ausstellung vielen Menschen mitten im Alltag. Sie sind eingeladen, sich mit den Lebensgeschichten auseinanderzusetzen. Begleitende didaktische Materialien unterstützen die Vermittlung. Präsidialamtsleiterin Rosemarie Bachinger unterstrich die Bedeutung der Ausstellung: „Mit dieser Ausstellung im Rathaus setzen wir ein Zeichen des Erinnerns und machen die Lebensgeschichten der geretteten Kinder zugänglich. Besonders wünsche ich mir, dass viele Schulklassen die Gelegenheit nutzen, sich mit diesen Schicksalen zu beschäftigen. Sie sind Erinnerung und Mahnung zugleich: Ausgrenzung und Verfolgung dürfen wir niemals gleichgültig gegenüberstehen.“
Verantwortung für die Gegenwart
Zum Abschluss ordnete Kreuzhuber die Schau in die Erinnerungskultur der Stadt ein. Sie verwies unter anderem auf das Gedenken an die Opfer des Massakers im damaligen Zuchthaus Stein, das Mahnmal am jüdischen Friedhof und die Zeitgeschichte-Werkstatt im museumkrems. „Krems ist sich seiner historischen Vergangenheit und Verantwortung bewusst und stellt sich seiner Geschichte. Antisemitismus zeigt auch heute wieder sein Gesicht, und wir sind gefordert, dagegenzuhalten. Nehmen wir das Jahr der Demokratie zum Anlass, unser Bekenntnis zur Demokratie zu stärken und die Forderung nach ‚Niemals wieder‘ mit einer aufrechten, bewussten Haltung zu füllen.“
Die Ausstellung „Für das Kind“ ist bis 30. November 2026 im Rathausfoyer Krems, Obere Landstraße 4, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und Freitag von 8 bis 12 Uhr.