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„Mein Ziel war es immer, sehr nah dran an den Menschen zu berichten“, erklärt Karim El-Gawhary. Und so sprach der Journalist und langjährige Leiter des ORF-Büros in Kairo auch in der Kremser Dominikanerkirche nicht nur über Krieg, Flucht und politische Entwicklungen im Nahen Osten, sondern vor allem über die Menschen hinter den Schlagzeilen. Mit eindringlichen Schilderungen persönlicher Schicksale gelang es ihm, die oft abstrakt wirkenden Krisen und ihre dramatischen Auswirkungen auf die Bevölkerung greifbar zu machen. Viele Zuhörer:innen zeigten sich sichtlich bewegt von den Ausführungen, manche zu Tränen gerührt. Am Ende des Abends dankte das Publikum Karim El-Gawhary mit Standing Ovations.
„Keine exotische Weltgegend, sondern unmittelbare Nachbarschaft“
Im Gespräch mit Doris Denk (Bereichsleiterin für Bildung, Kultur & Tourismus am Magistrat Krems) sowie Gregor Kremser (Leiter des Kulturamts) spannte El-Gawhary zunächst einen weiten Bogen über die aktuellen Krisen und Kriege in der Region – vom Iran über Israel und Palästina bis nach Syrien, in den Libanon und Sudan. „Die Liste ist unendlich“, meinte El-Gawhary. Gleichzeitig warnte er davor, den Nahen Osten als ferne Weltregion wahrzunehmen: „Das ist keine exotische Weltgegend, sondern unmittelbare Nachbarschaft – nur drei Flugstunden von Österreich entfernt.“ Als zentrale Ursachen für die vielen Konflikte in der arabischen Welt nannte er autokratische Staatssysteme, mangelnde Bildungschancen und die weitverbreitete Armut in der Bevölkerung. Auch das Publikum beteiligte sich intensiv an dem Abend und nutzte die Gelegenheit, dem Experten zahlreiche Fragen zu stellen.
Persönliche Schicksale sorgten für nachdenkliche Stille
Besonders eindrucksvoll waren jene Momente, in denen Karim El-Gawhary persönliche Schicksale schilderte und damit das Leid der Menschen in den Krisengebieten unmittelbar spürbar machte. Etwa die Geschichte des 13-jährigen syrischen Flüchtlings Ibrahim, dessen größter Wunsch es sei, endlich wieder eine Schule besuchen zu dürfen. Oder die Erzählung von einer Mutter, deren Flucht über das Mittelmeer in einer Tragödie endete: Sie stand vor der unfassbar schweren Entscheidung, welches ihrer vier Kinder sie retten sollte, da nur eine Schwimmweste vorhanden war. „Wir haben hier in Österreich unglaubliche Privilegien, über die wir meist keine Sekunde nachdenken“, meinte El-Gawhary mit Blick auf Frieden, kostenlosen Schulbesuch oder uneingeschränkte Reisefreiheit – und sprach dabei von der „Gnade des Geburtsortes“. Aussagen wie diese sorgten in der Dominikanerkirche für nachdenkliche Stille.
Das Ende einer Ära und große Wertschätzung
Der Abend war auch deshalb besonders, weil Karim El-Gawhary vor dem Ende einer Ära steht: Nach 22 Jahren endet in wenigen Wochen seine Tätigkeit als ORF-Korrespondent. Künftig will sich der 62-Jährige verstärkt seinem neuen Podcast widmen und weiterhin für verschiedene Zeitungen schreiben. „Ich bin aktuell dabei, mich neu zu erfinden“, sagte er offen. Die große öffentliche Wertschätzung, die ihm seit Bekanntwerden des Endes seiner ORF-Tätigkeit entgegengebracht werde, habe ihn tief bewegt. Auch viele Menschen in Krems brachten ihm in ihren Wortmeldungen und persönlichen Gesprächen große Anerkennung und Dankbarkeit entgegen. Bürgermeister Peter Molnar bedankte sich im Namen der Stadt Krems bei Karim El-Gawhary für seine einfühlsamen und bewegenden Ausführungen.